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Rentner im Schnee

Alte Menschen dürfen weder starker Kälte noch großer Hitze ausgesetzt werden!

Vor einigen Tagen, an das genaue Datum kann ich mich nicht erinnern, schneite es mal wieder in unserer Stadt. Ja, eine regelrechte Lawine kam vom Himmel. Zunächst hatte ich davon gar nichts mitbekommen, sonst hätte ich bereits im Voraus geeignete Maßnahmen gegen die Dinge getroffen, die da kommen sollten. Aber ich will von Anfang an erzählen:

Es war ein ganz normaler Tag, ich hatte eine halbe Scheibe Graubrot gegessen, an der Abendandacht teilgenommen, mich anschließend von Schwester Hilde waschen lassen – und war dann um 19:50 Uhr zu Bett gegangen. Um meinen nervigen Zimmergenossen Horst („Horsti“) Mendner musste ich mich nicht sorgen, denn der war vor zwei Wochen beerdigt worden. Er ruht nun auf dem nahen Waldfriedhof – er ist also mein Ex-Zimmergenosse. Da das Bett nicht neu belegt wurde, war ich allein und hatte meine Ruhe.

Die Ruhe hielt aber nur bis ungefähr 4 Uhr morgens an. Vom Flur her war nämlich plötzlich ein Gepolter und Geschreie zu hören. Verschlafen zog ich mir die Wolldecke über den Kopf, denn ich hatte gerade einen redlichen Traum gehabt – aber es half nichts. Irgendjemand schrie mit greller Stimme: „Wacht auf, ihr alten Säcke! Es hat geschneit!“ Gleichzeitig wurde offenbar gegen die verschiedenen Türen geklopft.

Löbliche Verwünschungen ausstoßend erhob ich mich aus dem Bett, stapfte zur Tür, um sie zu öffnen. Oberschwester Olga höchstpersönlich stand vor mir. Ich wurde sofort argwöhnisch, als ich sah, dass sie einen Mantel aus russischem Bärenfell trug und Stiefel, vermutlich aus Frettchenfell genäht. Auf dem bulligen Kopf trug sie die offizielle Kopfbedeckung der sowjetischen Armee.

„Dawai, dawai, robota, robota!“, brüllte das Flintenweib mich in ihrer Muttersprache an.

„Was soll der Unfug“, fragte ich voller Empörung.

„Zieh dich rasch an, Großväterchen!“, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. „Es hat geschneit und wir wollen einen Schneemann bauen!“

Ich drehte mich um zum Fenster, an dem tatsächlich dicke weiße Flocken vorbeischwebten. „Aber…“, meinte ich, doch die russische Pflegekraft war schon verschwunden. Ich zog also flink das Notwendigste an und suchte außerdem Handschuhe, Schal und Mütze heraus. Dann schloss ich mich den anderen Bewohnern des Männertrakts an, die bereits auf den Weg ins Freie waren.

Wir standen schließlich vor dem Haupteingang, mitten im eisigen Wind, der uns die Eiskristalle gnadenlos ins Gesicht pustete. Viele der alten Männer und Frauen hatten sich nur einen Morgenmantel umgeworfen, manche standen nur mit Nachtpyjama inmitten des Schneetreibens. Lediglich Herr Göllner war vollständig gekleidet. Er trug einen schwarzen Frack, ans Revers hatte er sich einige Orden geheftet (die angeblich aus Bundeswehrzeiten stammen, wie er immer behauptet).

Oberschwester Olga hatte sich vor uns aufgebaut wie vor einer Kompanie Soldaten. Ich glaubte bereits, sie hätte den Verstand verloren, aber dann sah ich, dass sie einen Becher in den Händen hielt. Obwohl ich einige Meter von ihr entfernt stand, stieg mir der widerliche Geruch in die Nase: eine Mischung aus billigem Rotwein und starkem Wodka. Russischer Glühwein also – das erklärte alles! Oberschwester Olga erzählte etwas von harten Zeiten, die sie in Sibirien durchgemacht hätte. Aber letztendlich habe der Kommunismus ja gesiegt und alles sei gut geworden. Meine armen Mitbewohner zitterten und bibberten währenddessen, weil sie sich keine vernünftigen Sachen angezogen hatten. Aber auch mir war bitter kalt.

Nur Göllner stand die ganze Zeit über kerzengerade da und rief in regelmäßigen Abständen: „Hört, hört!“ und „Bravo! Bravissimo!“ Ein furchtbarer Schleimer, dieser Mensch!

Sachbeschädigung Herr Göllner

Herr Göllner ist jederzeit bereit, sein Vaterland zu verraten.

Inzwischen befanden wir uns in einem regelrechten Schneesturm, aber wenigstens kam Oberschwester Olga endlich zu ihrem Anliegen: „Ihr, die Bewohner unseres wunderschönen Alten- und Pflegeheimes, werdet den ersten und schönsten Schneemann dieses Jahres bauen! Es können ruhig auch mehrere Schneemänner sein. Vielleicht kommen wir damit in die Zeitung. Also gebt euch Mühe, ihr Mumien! Los geht’s!“

Die letzten Worte waren kaum zu verstehen im Tosen des Windes. Der Schnee nahm mir mittlerweile fast jegliche Sicht – was mich aber auf eine gute Idee kommen ließ. Langsam entfernte ich mich von der Truppe. Ich ging zum Haus zurück, tastete mich an der Fassade entlang, bis ich zur Rückseite des Alten- und Pflegeheims kam.

Die Tür, die zum Küchenbereich führte, war erhellt. Ich betätigte die Klingel, und als eine Silhouette hinter der Milchglasscheibe erschien rief ich: „Ich bin es, der Lieferant!“ Eine redliche List!

Ich schlüpfte schnell an der Person vorbei, die mir öffnete und hastete durch den Küchenbereich. Jemand rief mir etwas hinterher, aber ich stellte mich taub. Bald fand ich mich in der Eingangshalle wieder und stürmte die Treppe nach oben. Doch ich ging nicht in mein Zimmer, sondern lief stattdessen zum Frauentrakt, wo ich mich auf der Toilette am Ende des Ganges versteckt hielt. Ganze vier Stunden lang.

Niemand fiel auf, dass ich beim Bau der Schneemänner nicht mitgeholfen habe. Bis heute nicht.

Zurzeit ist es recht ruhig bei uns in der Einrichtung. Meine Mitbewohner sind allesamt schwer erkältet, auch der eifrige Herr Göllner. Es wird wohl eine Weile dauern, bis alle wieder vollständig gesund sind.

So sitze ich nun allein im Gemeinschaftssaal, trinke meinen Kamillentee und esse meinen Trockenkuchen. Ein redliches Leben ist ein gutes Leben.

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