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Joggen auf dem Friedhof

„Jogger“ sind häufig gekleidet wie der Dumme August aus dem Zirkus … und sie stören gern die Friedhofsruhe!

Meinen treuen Lesern und Leserinnen ist bekannt, dass meine Frau Mutter vor einigen Jahren verstarb. Die Heimleitung gestattet mir, jeden Dienstag zum 12 km entfernten Friedhof zu fahren. Ich nehme dazu den öffentlichen Omnibus (Linie 4), das Fahrgeld wird mir abgezählt mitgegeben.

Vom Friedhofstor aus muss ich noch 200 Meter gehen, bis ich die Grabstelle erreiche. Ich spreche dann immer mit dem Grabstein – auf diese Weise unterhalte ich mich nämlich mit der lieben Verstorbenen … ich berichte ihr beispielsweise, was in letzter Zeit so alles vorgefallen ist. Meine Mutter war nämlich Zeit ihres Lebens sehr neugierig.

Ewige Ruhe für Ellonore Kaplan

Meine Mutter war immer sehr neugierig und jetzt ist sie tot.

Vor zwei Wochen wurde ich in meiner Andacht durch einen jungen Mann und eine junge Frau gestört, die miteinander lachten und offensichtlich auch sonst guter Dinge waren. Die beiden kamen des Weges entlang, aber sie spazierten nicht gemächlich, sondern sie rannten! Sie trugen auch Kleidungsstücke, die dem feierlichen Ort in keinster Weise entsprachen; es handelte sich wohl um neumodische Sportkleidung.

Ich erkannte sofort, dass ich es mit sogenannten „Joggern“ (Dauerläufern) zu tun hatte.

Stichwort „Dauerlauf“/“Jogging“: Das sogenannte Dauerlaufen ist in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Durch die Fortschritte der Wissenschaft fand man dann heraus, dass es sich um gesundheitsgefährdenden Unfug handelt. Der Mensch ist schließlich kein Pferd, das stundenlang über irgendwelche Wiesen galoppiert. Deshalb wurde das „Dauerlaufen“ dann abgeschafft.

Erst 1970 ist es wieder in Mode gekommen. Wie so manch anderer Unfug kam es aus Amerika zu uns nach Deutschland: man nannte es nun „Jogging“. Junge Leute finden ja alles ganz großartig, sobald es nur einen englischen Namen trägt. 

Ich hatte hier also solche „Jogger“ vor mir. Ich trat auf den Weg: „Halt! Das hier ist ein Ort der ewigen Ruhe – und kein Sportplatz! Herumzurennen ist laut Friedhofsordnung verboten, also treiben Sie Ihren Unsinn gefälligst woanders!“ – Der junge Mann blickte mich nassforsch an: „Wir kommen jeden Tag hierher, und zwar um Punkt 10 Uhr. Das können Sie ja melden wem Sie wollen. Bisher ist jedenfalls noch kein Toter vor Schreck aus dem Grab gesprungen…“

Seine Begleiterin kicherte daraufhin laut und gackernd, als habe sie einen besonders gelungenen Witz gehört. Die beiden rannten einfach weiter, wobei ich die Frau noch sagen hörte: „Hast du den Freak gesehen? Das war bestimmt ein Zombie.“ Beide lachten bösartig.

Am nächsten Tag schlich ich mich gleich nach dem Frühstück aus dem Alten- und Pflegeheim. Den Bus bezahlte ich von meinem Ersparten. Kurz vor zehn Uhr erreichte ich den Friedhof, der noch leer und verlassen wirkte. Einen genauen Plan hatte ich nicht, aber als anständiger Mensch wollte ich die Schmach des Vortages nicht auf mir sitzen lassen.

Ich versteckte mich hinter der Kapelle, behielt dabei aber das Friedhofstor im Auge. Tatsächlich betraten die „Jogger“ – fast auf den Glockenschlag genau – den Friedhof. Zu meinem Erstaunen trugen die beiden Rucksäcke auf den Rücken. Der Mann und die Frau blickten verstohlen umher, und als sie sich alleine wähnten, verbargen sie ihre Rucksäcke in einem Gebüsch. Das war interessant! Die beiden versteckten also immer ihre Sachen, um besser laufen zu können!

Als sie endlich losgerannt und außer Sichtweite waren, kam auch ich hinter der Kapelle hervor. Tollkühn ging ich zum Gebüsch und zog die Rucksäcke heraus. Zur Polizei bringen konnte ich die Dinger nicht, denn ich hatte ja von der Heimleitung keine Erlaubnis, heute hier zu sein. Hastig blickte ich mich um. Da entdeckte ich ein frisch ausgehobenes Grab … offensichtlich für eine anstehende Beerdigung vorbereitet!

Ohne weiter nachzudenken schleifte ich die Rucksäcke dorthin und warf sie lachend in die Grube. Leider waren sie sehr bunt, weshalb man sie sofort finden würde. Geschwind rannte ich zu den umstehenden Gräbern und sammelte Blumen, Kränze und sonstiges Schmuckwerk ein, um alles in die frische Grube zu werfen. Die Toten und ihre Angehörigen würden mir verzeihen, denn das alles war ja für einen guten Zweck. Von den Rucksäcken war bald nichts mehr zu sehen.

Ich lachte noch ein wenig und tanzte auf der Stelle. Dann beeilte ich mich, zur Bushaltestelle zu kommen. Im Heim war mein Verschwinden noch nicht aufgefallen, so dass ich dort keinen Ärger bekam.

Abschließend ist zu erwähnen, dass am letzten Dienstag – also bei meinem planmäßigen Friedhofsbesuch – weit und breit kein „Jogger“ zu sehen war.

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